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„Reinige Deine Atemwege, entschlacke Deinen Körper und genieße die belebende, in den Kopf aufsteigende Energie“

Stell Dir vor wie Dein Atem sanft an Deinen Naseninnenwänden entlang gleitet und sich Deine Bauchdecke mit jeder Einatmung ganz natürlich wölbt und mit der Ausatmung wieder senkt. Dein tiefer, gleichmäßiger Atemrhythmus ist bewusst, ruhig und entspannt. Mit der nächsten Einatmung lässt Du nur die Hälfte der Luft in Deinen Körper fließen, dieser Punkt sollte sich für Dich angenehm anfühlen, um dann eine Serie von 20 bis 50 scharfen, starken Ausatemstößen durchzuführen, als ob Du Dir die Nase putzt. Deine Bauchdecke zieht mit jedem Ausatmungsschnaufen gefühlt nach innen und oben und entspannt sich abrupt mit der Einatmung, wobei die Luft von ganz allein wieder in den Körper strömt – Vakuum-Effekt. Die Aktion ist vergleichbar mit dem Blasebalg eines Schmiedes, bei der die Ausatmung betont wird und eine kurze Einatmung ganz von selbst als Reaktion auf die Ausatmung entsteht. Atme danach wieder für ein paar Atemzüge ganz natürlich und gleichmäßig ein und aus und fahre dann mit der nächsten Runde fort. Klassisch zum Anfang sind 3 Runden.

Willkommen bei Kapalabhati, dem reinigenden Atem des Yoga. Im Gegensatz zur natürlichen Atmung liegt hier der Fokus auf der aktiven, kraftvollen Ausatmung, die Einatmung ist passiv und reflexhaft. Kapalabhati ist Atmungs- und Reinigungstechnik in einem und bedeutet wörtlich „Schädel-Leuchten“.  Diese Technik erleuchtet den Schädel, indem Energie bei jeder Ausatmung bewusst-stimuliert nach oben geleitet wird (diesen Vorgang bitte nicht mit der Erleuchtung „samadhi“ verwechseln). Anatomisch entsteht durch Reibung der Atemwegewände eine elektrische Aufladung der Luftröhre, der als elektrischer Fluss aufwärts strebt. Auf der energetischen, feinstofflichen Ebene wird die Lebensenergie (Prana) durch das Sushumna Nadi (Energiekanal der feinstofflichen Wirbelsäule) nach oben Richtung Ayna Chakra gelenkt (das sechste der sieben Hauptchakras). Ayna heißt: befehlen, steuern, wahrnehmen. Das Ayna Chakra  wird auch als Drittes Auge, als Auge der Intuition bezeichnet. Das gesamte Gehirn wird bei Kapalabhati belebt und die schlafenden Zentren aufgeweckt, die verantwortlich für die subtile, feine Wahrnehmung sind.

Die Hatha Yoga Pradipika zählt Kapalabhati zu den sechs Reinigungsübungen „Shat Karma Kriyas“ (Shat= sechs, Karma= Handlung, Kriya= Reinigung), die Verunreinigungen und Hindernisse im Körper beseitigen sollen (HYP, 2.Kap., Vers 35). Der reinigende Effekt kommt zustande, weil durch die beschleunigte Ausatmung abgestandene Gase (vermehrt Kohlendioxid) aus der Lunge beseitigt werden, sozusagen abgeatmet. Solange das als Abfallprodukt der Zelle entstehende Kohlendioxid in Form von Kohlensäure im Blut gelöst zirkuliert, ist es ein Stoff, der den Körper als Stoffwechsel-Schlacke belastet. Je höher die Konzentration, umso mehr verschiebt sich der PH-Wert des Blutes zum Übersäuern. Wir werden regelrecht innerlich sauer, was uns anfälliger macht für Erkrankungen und den Zellabbau und damit den Alterungsprozess beschleunigt. In der täglichen Yogapraxis soll Kapalabhati vor allem dabei helfen, den Organismus regelmäßig zu entschlacken.

In der Praxis des Pranayama unterstützt Kapalabhati das Einüben und Erfahren von Atempausen (Kumbhaka – dem großen Innehalten im Strom des Lebens). Unser Atemzentrum mit Sitz im verlängerten Rückenmark in der Tiefe des Hinterkopfes misst über Chemorezeptoren ständig das Gasgemisch in unserem Blut (Verhältnis der Gase Sauerstoff und Kohlendioxid) und steuert ganz autonom die Häufigkeit und Intensität unserer Atmung. Wenn wir durch Kapalabhati sehr viel Kohlendioxid abgeatmet haben – und zudem gleichzeitig genug Sauerstoff in unserem Blut kreist – dann wirken kurzzeitig weniger Impulse des Atemzentrums im Sinne der Einatmung. Wir verspüren nach einigen Runden Kapalabhatis in der Regel keinerlei Bedürfnis zur Einatmung. Es entsteht somit ein natürliches Innehalten der Atmung, die wir nicht „machen“ müssen, sondern die sich von alleine einstellen. Unser Geist erfährt den Umgang des Nicht-Atmens, den Zustand der Atemleere auf sanfte Weise und erlernt Gleichmut zu bewahren in einer Situation, die er sonst schnell als bedrohlich und existenziell einstufen könnte (Schwächung des Kleshas Abhinivesha – der Angst vor dem Tod). Insofern wird Kapalabhati zu einem wichtigen Bestandteil der Vorbereitung zum Üben der klassischen Pranayamas.

 Nach längerem Üben von Kapalabhati kann sich ein Zustand leichter Benommenheit einstellen. Der Geist kommt zur Ruhe, man „schaltet quasi ab“, aber das mit einer äußerst wachen und feinen Wahrnehmung. Diese wache und friedvolle Ruhe im Hier und Jetzt ist eine sehr gute Vorbereitung zur Meditation.  

Wirkungen von Kapalabhati:

Abhängig von Intensität und Dauer des Übens lassen sich folgende, wesentliche Benefits beobachten:
•    Belebung von Körper und Geist
•    Starke Aktivierung des Stoffwechsel- und Entschlackungsvorgänge
•    Stärkung des Zwerchfells und der Atemhilfsmuskeln (z.B. Bauchmuskeln)
•    Reinigung der Lungen und Bronchien
•    Starke Durchlüftung der Nasennebenhöhlen
•    Vorbeugend gegen Heuschnupfen, Asthma und Erkältungskrankheiten
•    Abbau von Müdigkeit und Depressionen - Stärkung der inneren Kraft und Freude
•    Massage von Herz, Leber und Magen

Worauf solltest Du beim Üben von Kapalabhati achten?

•    Übe mit leerem Magen
•    Übe klassischerweise in einem bequemen, aufrechten Sitz (z.B. Siddhasana) oder im Stehen mit z.B. leicht angewinkelten, gegrätschten Beinen und vorgebeugten Oberkörper / Hände auf den Knien
•    Halte Deinen Oberkörper und Kopf bestmöglich unbewegt; einzig die Bauchdecke ist aktiv
•    Beende die Übung, wenn Du merkst, dass Du zu ermüden beginnst, und spüre noch eine Weile nach
•    Lass Dich in die Atemstille hinein gleiten und genieße die wache, friedvolle Ruhe
•    Vorsicht ist geboten bei Neigung zu Schwindel (Drehschwindel etc.)
•    Übung macht den Meister

Du solltest Kapalabhati nicht üben:

•    bei allen Entzündungen im Bauchraum
•    bei hohem Blutdruck
•    während Schwangerschaften und Monatsblutungen
•    bei schweren Herz-Kreislauf-Störungen
•    bei Herzklappenfehlern

Autor: Tim Stölken

 

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 compiled by Tim Stölken